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Herausforderungen in der Ausbildung: Interview mit Josef Buschbacher

Josef Buschbacher mit Melanie Schaal. ©NWB Verlag

Melanie Schaal, wirAUSBILDER-Community-Managerin, im Gespräch mit Bildungsexperte Josef Buschbacher über die Zukunft der Ausbildung, verschiedene Generationen und Mental Health.

Hallo Josef, wenn Du nicht gerade unsere wirAUSBILDER ONLINE-KONFERENZ moderierst, bist du mit verschiedenen Ausbilder:innen, Ausbildungsbeauftragten und Azubis in Kontakt. Du erfährst von Erfolgen, aktuellen Herausforderungen, aber auch von Sorgen. Wovon wird Dir besonders oft berichtet?

Die Vielfalt der Themen, die ich jeden Tag „draußen“ in den Ausbildungsbetrieben erlebe, ist enorm. Manche klagen über zu wenige Bewerbungen – andere Ausbildungsunternehmen haben einen großen Bewerbungseingang. Die Digitalisierung schreitet auch in der Ausbildung fort, ebenso wie „New Work“-Gedanken, was sich z.B. in veränderten Lernräumen, E-Learning-Angeboten oder in Homeoffice-Regelungen für Azubis bemerkbar macht. Ausbilder:innen haben derzeit die Herausforderung, sich mit dem Thema „Psychische Probleme“ zu beschäftigen. Fast alle Unternehmen machen hier teilweise schmerzhafte Erfahrungen und die Betreuung dieser Azubis nimmt enorm viel Zeit in Anspruch.

Wenn ich Dich bitte, einen Blick in die Glaskugel zu werfen – was erwartet uns Deiner Ansicht nach in der Ausbildungsarbeit bis 2030?

Ausbildungsabteilungen sollten sich intern genau mit dieser Frage, der Zukunft der Ausbildung, beschäftigen. Neben den vielen technologischen Themen wie Künstliche Intelligenz stehen das Miteinander der Menschen und die Fähigkeit mit anderen zu lernen, sich auszutauschen, zu diskutieren, zu hinterfragen im Fokus. In der Ausbildung diskutieren wir auch regelmäßig die interne Ausbilder-Demographie – in manchen Betrieben gibt es kaum noch Ausbilder:innen, die sich für diesen Job bewerben. Man erkennt zunehmend, dass das Ausbilderdasein enorm facettenreich und anstrengend ist. Im Grunde sind alle Ausbilder:innen auch Führungskräfte und müssen neben den fachlichen Kompetenzen zunehmend auch emotionale, methodische und didaktische Kompetenz aufbauen.

Wieviel Offenheit und Innovationsgeist bedarf es, um diese Herausforderungen im Blick zu haben?

Ein innovatives Ausbildungskonzept ist eine gute Grundlage, um die Selbständigkeit und Selbststeuerung der Azubis zu fördern. Mehr spannende, selbstorganisierte Praxisprojekte statt “stumpfer” Lehrgänge tragen zu einer hohen Motivation der Azubis bei. Allerdings muss solch ein Konzept gut durchdacht werden. Jeder Azubi muss einen „Soll-Zustand“ erreichen, denn die Prüfung wird noch als Einzelleistung und nicht als Gruppenevent abgeprüft.

Im Ausbildungsmarketing und Employer Branding bewegt sich auch sehr viel. Die Offenheit für neue Formate ist erkennbar und mit vielen Ausbilder:innen bauen wir Wissen dazu auf. Discord-Kanäle, e-Sports-Angebote, Telegram-Gruppen, Azubi-Playlisten in Spotify, Einsatz von lokalen Influencern oder die Ansprache von jungen Menschen in Roblox sind nur einige Beispiele. Manche Ausbilder:innen kennen diese Kanäle noch nicht – das wundert mich, da sie ja jeden Tag mit Azubis zu tun haben und so etwas leicht in Erfahrung bringen könnten.

©iStock – nitsawan

In der Eignungsdiagnostik und im Auswahlverfahren sind ebenfalls interessante Entwicklungen zu beobachten. Einige Unternehmen verabschieden sich von langwierigen Online-Eignungstests und kleinen Assessment-Centern. Stattdessen setzen viele auf den persönlichen Kontakt, den direkten Eindruck und ein effektives Empfehlungsprogramm. Zudem gewinnt das Pflicht-Praktikum als Bestandteil des Auswahlverfahrens für viele Unternehmen an Bedeutung. Ich denke, ein guter Mix aus validen Werkzeugen zur Eignungsdiagnostik und dem Bauchgefühl während des Praktikums vor Ort bildet die optimale Mischung.

Blicken wir auf die verschiedenen Generationen, die im Ausbildungsalltag aufeinandertreffen – Boomer, Gen X, Gen Y, Gen Z und die kommenden Alphas. Meine These: Sein Gegenüber zu verstehen und sich darauf einzustellen, ist essenziell für ein erfolgreiches Miteinander. Würdest Du dem zustimmen?

Das Thema „Generationen“ greift für mich zu kurz. Ich bin sicher, dass wir alle ein Verständnis für andere entwickeln sollten, unabhängig von Generationen. Das hat für mich vielmehr mit Empathie, Offenheit und Toleranz zu tun. Ein gutes Generationen-Miteinander und Verständnis sind der Schlüssel für eine gute Arbeitsatmosphäre, die durch Vertrauen, Spaß und Leistung gekennzeichnet ist.

Beispiel aus der Praxis: Jeder, Ausbilder:in wie Azubi, hat eine Meinung zu Homeoffice-Regelungen, sofern es keine einheitlichen Vorgaben dazu im Unternehmen gibt. Einige sagen: „Homeoffice musst Du Dir verdienen“, andere sagen: „Ich habe ein Recht darauf“ und schon haben wir eine konträre Sichtweise, die zu Unstimmigkeiten im Team führen kann.

@fizkes – adobe.stock.com

Ausbilder:innen haben nicht „nur“ viele inhaltliche Themen auf dem Radar, sondern sollten auch mentale und psychische Belastungen im Blick haben. Wie entscheidend ist Deiner Ansicht nach die eigene Leistungsfähigkeit für den Ausbildungserfolg?

Ausbilder:innen haben oft den Fokus auf die Azubis, Studierenden und fachlichen Themen. Ich beobachte jedoch eine große Offenheit dafür, sich auch mit sich selbst zu beschäftigen und zu reflektieren. Dies ermöglicht es ihnen, persönliche Strategien zum Umgang mit den vielen Einflüssen und Herausforderungen zu entwickeln und zu nutzen.

Ein Beispiel: Eine Gruppe von acht erfahrenen, hauptamtlichen technischen Ausbildern hat sich intensiv mit dem Thema „Mental Health“ auseinandergesetzt. Jede Woche treffen wir uns virtuell, um über verschiedene Themen zu sprechen. Einer von ihnen sagte mir: „Durch diese Arbeit und die Beschäftigung mit uns selbst kommen wir auf ein anderes Level – das entwickelt mich und uns als Gruppe weiter.“

Vielen Dank für diesen Einblick! Aber was rätst Du, wenn es um die Leistungsfähigkeit der Azubis geht – ganz konkret: wenn Süchte die Ausbildung gefährden?

Süchte gibt es zahlreiche, und Azubis sind davon genauso betroffen wie die Gesamtbevölkerung. Da ich kein Suchtexperte oder Psychologe bin, würde ich hier eher auf Fachleute verweisen. Wichtig ist mir jedoch, dass Ausbilder:innen auf einen angemessenen Kenntnisstand gebracht werden, um Signale im Ausbildungsalltag erkennen zu können. Diese Signale richtig zu deuten und dann entsprechende Angebote wie Sozialer Dienst, Suchtberatung oder ähnliche Unterstützung zu organisieren, ist entscheidend.

Für den Umgang mit diesen Themen scheint der Aufbau eigener Kompetenzen sinnvoll zu sein. Welche Möglichkeiten der Weiterbildung gibt es speziell für das Ausbildungspersonal?

Ausbilder:innen entwickeln ihre Beobachtungsgabe kontinuierlich weiter. Sei es durch Weiterqualifizierung zum Coach oder Mental Health First Aid-Berater. Es gibt hervorragende Angebote, die für Ausbilder:innen immer wichtiger werden.

Vielen Dank, dass Du diese spannenden Erkenntnisse teilst! Ich freue mich, all die Themen im Rahmen unserer nächsten wirAUSBILDER ONLINE-KONFERENZ am 26. und 27.11.2024 mit Dir und unseren tollen Referent:innen diskutieren zu dürfen. Auf die Teilnehmer:innen warten zwei Vormittage mit insgesamt 10 Impulsen – soviel Input gab es noch nie 😊 –, ganz viel Wissens- und Erfahrungsaustausch und natürlich der Möglichkeit, sich zu vernetzen. … Wir sehen uns im November!

Die wirAUSBILDER ONLINE-KONFERENZ wird auch dieses Jahr wieder ein Highlight für die Teilnehmenden. Unsere Auswahl der Themen und Referent:innen gewährleistet einen guten und praxisnahen Einblick in die Ausbildungsarbeit. Ich freue mich schon darauf!

>> Blick ins Programm werfen!  

©NWB Verlag

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